HIGHLIGHTS

Ludwig & Anna

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Ludwig van Beethoven – genialer Komponist, gefeierter Tondichter, exzentrischer Künstler – weist musikalischen Generationen bis heute den Weg. Als der junge Beethoven um 1790 das Wiener Musikleben kennenlernte, geschah dies unter politischen und kulturellen Umwälzungen. Zu Beginn seiner musikalischen Karriere machte sich Beethoven zunächst als Klaviervirtuose einen Namen. Zu seinen Stärken gehörte das freie Improvisieren und Fantasieren auf dem Instrument. Selbstbewusstsein charakterisierten das ungestüme Auftreten Beethovens, der seinen künstlerischen Wert kannte. In den musikalischen Salons Wiens, inmitten eines kunstinteressierten aristokratischen Publikums faszinierte Beethovens unkonventionelle Art und sein Talent führte ihn bald in die höchsten gesellschaftlichen Kreise der habsburgischen Metropole. Ludwig van Beethovens Klavierwerke sind in der Klavierliteratur von epochaler Bedeutung, da er selbst ein hervorragender Pianist war, der viele seiner Werke selbst aufführte.

Auch Anna Song führte der musikalische Weg nach Wien. Nach umfangreichen Studien in Peking und New York zog es sie in die Donaumetropole, wo sie sich an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien musikalisch vervollkommnete und sich allmählich anschickt, die Konzertsäle der Welt zu erobern. An Beethoven führt kein Weg vorbei, und so studierte auch Anna Song sorgfältig das Klavierwerk Beethovens und führt dessen grandiose Konzerte und Klaviersonaten regelmäßig auf. 

Anna Song’s Repertoireliste der Klavierkonzerte Beethovens:


Ludwig van Beethoven Piano Concerto No.1 in C major Op.15

Played in concert plus Competition Winner2002, 2003, 2004, 2005

Ludwig van Beethoven Piano Concerto No.2 in B flat major Op.19

Played in concert plus Competition Winner2002, 2003, 2004, 2005

Ludwig van Beethoven Piano Concerto No.3 in C minor Op.37

Played in concert2005

Ludwig van Beethoven Piano Concerto No.4 in G major Op.58

Played in concert

Ludwig van Beethoven Piano Concerto No.5 Emperor in E flat major Op.73

Played in concert

Ludwig van Beethoven Piano Concerto in E flat major WoO4

Will play in concert (13.12.2020)

Ludwig van Beethoven Piano Concerto in D major Op.61a

Studied, Will play in concert (2021)

Ludwig van Beethoven Triple Concerto in C major Op.56

Studied. Will play in concert (2021)

Ludwig van Beethoven Choral Fantasy Op.80

Studied

Ludwig & Anna

Hat sich seit Beethovens Zeit in den Beziehungen zu Mäzenen und in der Geschlechterrolle etwas geändert?

Eine Forschungsarbeit* zu Beethovens Biographie und Werk, seinem geistigen Umkreis und zu seiner Wirkungsgeschichte steht im Zusammenhang mit Beethovens Beziehungen zu Frauen und Adligen im Gender Blickwinkel. Es wird versucht, die verstreut überlieferten Zeugnisse über die inneren Beweggründe dieses großen Menschen zu sammeln und zu bündeln. Außerdem soll es Beethovens Denken, Leben und Arbeiten auf vielfältige Weise sichtbar machen; Porträts zeigen die handelnden Personen, um die Mäzene, den Künstler und seine Frauen in ihrer Umwelt signifikanter sichtbar zu machen.

* Verfasst von Prof. Mag.art. Werner Hackl PhD

Gender-Gespräche über Beethovens Beziehungen zu Adligen und Frauen

Ludwig van Beethovens Geburtshaus steht in Bonn –  getauft wurde Ludwig am 17. Dezember 1770. Sein Großvater (1712-1773) war Hofkapellmeister des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln in Bonn. Der Vater des Komponisten (1740-1792), Johann van Beethoven, war Tenorsänger in der Hofkapelle. Christian Gottlob Neefe, seit 1781 Hoforganist, erteilte Ludwig Klavier- und Kompositionsunterricht. 1782 wurde Beethoven Stellvertreter Neefes an der Orgel, zwei Jahre später, als der österreichische Erzherzog Maximilian Franz als Kurfürst und Erzbischof von Köln inthronisiert wurde, erhielt Ludwig van Beethoven eine feste Anstellung als Organist.

  Maximilian II. Franz (1756–1801)

Maximilian Franz Xaver Joseph Johann Anton de Paula Wenzel von Österreich (* 1756 in Wien † 1801 in Hetzendorf bei Wien) als österreichischer Erzherzog war er der jüngste Sohn von Kaiser Franz I. Stephan und Maria Theresia. Er hatte fünfzehn Geschwister, zwei seiner älteren Brüder waren die Kaiser Joseph II. und Leopold II. Maximilian II. Franz war seit 1780 Hochmeister des Deutschen Ordens und von 1784 bis 1801 Kurfürst und Erzbischof von Köln sowie Fürstbischof von Münster. Er war von der Aufklärung beeinflusst und suchte in verschiedenen Politikfeldern Reformen durchzusetzen. Im Zuge des Ersten Koalitionskrieges wurden die linksrheinischen Gebiete besetzt und später Frankreich einverleibt. Die Durchführung der Säkularisation und damit das Ende des Kurstaates hat Maximilian Franz nicht mehr erlebt.

Maximilian Franz war wie viele Habsburger musikalisch begabt und interessiert. Max Franz war der erste bedeutende Mäzen von Ludwig van Beethoven, auch wenn er keine engere persönliche Beziehung zu ihm hatte. Als jugendlicher Musiker widmete Beethoven dem Kurfürsten drei Klaviersonaten: „Nimm sie als ein reines Opfer kindlicher Ehrfurcht auf und sieh mit Huld, Erhabenster! auf sie herab und ihren jungen Verfasser“. Max Franz förderte den jungen Komponisten in Bonn, indem er ihn als Hoforganisten anstellte und ihn erstmals 1787 nach Wien schickte, wo er sich von Januar bis März aufhielt und die Bekanntschaft Mozarts gemacht haben soll. Wieder zurück in Bonn will Beethoven trotz des Todes seiner Mutter, trotz der Trunksucht seines Vaters und den vielen Kümmernissen „dem Schicksal in den Rachen greifen“

In Bonn lernte Beethoven seinen ersten wahrhaft fürstlichen Beschützer kennen, den österreichischen Grafen Ferdinand Ernst von Waldstein, der 1788 als Novize des Hoch- und Deutschmeisterordens an den kurfürstlichen Hof nach Bonn gekommen war. Am Fasching Sonntag 1791 wird im Redouten Saal ein farbenfrohes Ritterballett  aufgeführt, mit Musik von Beethoven und von seinem Förderer Waldstein arrangiert. Der feinsinnige Graf hat in dem eigenwilligen jungen Musiker den göttlichen Funken erkannt und wird ihm geistig wie materiell zum selbstlosen Freund und Helfer. Er führt würdig die lange Reihe hoher Protektoren an, die Beethoven in seinem Leben noch finden wird, und die in ihrer edlen Denkart verstanden, dass Adel des Geistes den Menschen über alle Schranken der Geburt und des Standes erhebt. Am 25. Dezember 1790 machte Joseph Haydn auf seiner Londoner Reise in Bonn Station, wo ihm der Kurfürst die Hofkapelle vorstellte; stolz zeigt der junge Beethoven seine zwei Kantaten, die er kurz zuvor komponiert hat. Haydn spürt die ungewöhnliche Begabung des jungen Komponisten und gibt ihm den Rat, in die große Welt hinauszutreten. Der junge Beethoven wird vom Kurfürsten bei Weiterzahlung des Gehalts gnädigst beurlaubt und am 2. November 1792 tritt der hoffnungsvolle Musiker seine zweite Studienreise nach Wien an. Graf Waldstein schreibt in Beethovens Stammbuch die Voraussetzungen: „Sie reisen itzt nach Wien zur Erfüllung ihrer so lange bestrittenen Wünsche…Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozarts Geist aus Haydens Händen.“ Durch das Stipendium von Max Franz unterstützt, wurde 

Beethovens Bekanntschaft mit Joseph Haydn vermittelt, der im  November 1792 Beethovens Ausbildung übernahm, die vom Kurfürsten finanziert wurde. Mit ununterbrochenem Fleiß eignete sich Beethoven die Werke seiner großen Vorbilder und Zeitgenossen an. Abschriften und Auszüge geben Aufschluss über seine Integrationsfähigkeit. Als Dank will Beethoven dem Kurfürsten seine 1. Sinfonie widmen, welches Beethovens Brief an den Verleger Franz Anton Hoffmeister in Leipzig vom 22. oder 23. Juni 1801 dokumentiert. Der überraschende Tod von Maximilian Franz am 27. Juli 1801 machte diese Widmung jedoch hinfällig.

Beethovens erste Wohnung 1793 in Wien war äußerst bescheiden: ein kümmerliches Dachzimmer in der Alser Straße „bey dem Hr. Fürsten Lichnowski“. Auf Einladung des Grafen Waldstein stieg Beethoven im Oktober 1794 in die erste Etage zu den Adligen auf, wodurch er sich „völlig neu equippiren“ musste. Bis 1794 unterrichtete Haydn Beethoven (den „Großmogul“) im Kontrapunkt. Haydns Urteil über seinen Schüler, er werde „nie was Ordentliches machen“ und er sei ein „exaltierter musikalischer Freigeist“, versteht sich aus Haydns Alter. Dennoch sandte Haydn am 23. November 1793 als Resultat seines Unterrichts an die „Churfürstliche Durchlaucht“ Max Franz „einige musikalische Stücke…von der composition meines gnädigst anvertrauten Schülers“, der „mit der Zeit die Stelle eines der größten Tonkünstler in Europa vertreten werde“. Hinter Haydns Rücken nimmt Beethoven Unterricht bei Johann Schenk und später bei einem der berühmtesten Theoretiker seiner Zeit, bei Johann Georg Albrechtsberger sowie beim erfolgreichsten Opernkomponisten Antonio Salieri. Auf Empfehlungen des Grafen Waldstein fand Ende 1793 anlässlich einer Abendgesellschaft beim Fürsten Lichnowsky die Uraufführung von Beethovens c-Moll-Trio statt. „Die Trios wurden gespielt und machten gleich außerordentliches Aufsehen“. Hatte der eigenwillige Komponist Neues zu sagen, oder musste man fürchten, dass sie beim Hörer auf Verständnislosigkeit stoßen würden? Hier wurden von ungeduldiger Hand die Schranken niedergerissen, die höfische Kultur bisher zur Darstellung innerster Seelenregungen gesetzt hatten. Beethovens Opus 1 wurde gedruckt, Fürst Lichnowsky übernahm die Druckkosten und lud ihn als Hausgast in sein Palais ein.

Zwar war Beethoven mit Hilfe des Adels in Wien bekannt geworden, dennoch stand er noch in Abhängigkeit von Bonn, denn der Bonner Regent fand, „daß dieser aufenthalt ihm nicht mehr als sein ersterer dort genutzt habe“. Am 3. Oktober 1794 segnete Kurfürst Max Franz seine Untertanen auf dem Bonner Marktplatz. Von Napoleon bedrängt floh er nach Wien. Bonn war keine Residenz mehr, die Hofkapelle wurde aufgelöst. Beethovens Rückkehr nach Bonn war Geschichte geworden.

Am 29. März 1795 gab die Tonkünstlersozietät im Burgtheater ein Wohltätigkeitskonzert, in dem auch Beethoven auftrat. Es war sein erstes öffentliche Auftreten und die Wiener Zeitung titelte: „Am ersten Abend hat der berühmte Herr Ludwig van Beethoven auf dem Pianoforte den ungeteilten Beifall des Publikums geerntet“. Im Laufe der Zeit musste sich Beethoven dank seiner glänzenden Kontakte in Wien nicht lange herumschlagen. Sein geniales Klavierspiel und die hohe Protektion seines fürstlichen Gönners öffneten ihm die Türen zu all den vornehmen Salons, in denen vor kunstsinnigem Publikum musiziert wurde. Die fürstlichen, gräflichen und freiherrlichen Familien – Baron van Swieten, Graf Lichnowsky, Graf Rasumowsky, Graf Lobkowitz – waren untereinander verwandt. Glücklicherweise traf Beethoven auf Fürst Karl Lichnowsky, der bereits Mozart gesponsert hatte und der 1796 Beethoven zu einer Konzertreise nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin einlud. Wollte der Mäzen Karl Lichnowsky, der wie sein jüngerer Bruder Moritz von Mozart unterrichtet worden war, seine musikalische und gesellschaftliche Rolle mit Beethoven weiterspielen? Seine Ehefrau, Wilhelmina Christina, Fürstin von Lichnowsky, geb. Gräfin Thun-Hohenstein führte einen hoch angesehenen musikalischen Salon, der einen hohen Rang in der musikalischen Oberschicht Wiens hatte. Mit dem hohen Einkommen aus ihren Ländereien förderten sie Musik und Musiker und ihr Mäzenatentum ließ sie die politische Entwicklung, die nichts Gutes in der Zukunft verhieß, vergessen. Die adligen Kontakte gaben Beethoven Sicherheit, dennoch war er bestrebt, Geld zu verdienen. Vielleicht war ihm auch daran gelegen, unabhängiger von seinen Mäzenen zu werden. Beethovens Erwartungen waren hoch, er konnte sehr bockig werden, wenn er sich in seinem Stolz verletzt fühlte. Ehrgeizig war Beethoven, bei den zahlreichen Konkurrenten in Wien wäre seine Karriere sonst nicht möglich gewesen. In Beethovens Werken beginnt nun die Auseinandersetzung mit sich selbst, das Ringen um Ausgleich zwischen persönlicher Aussage und formaler Zucht. Beethoven war kein rücksichtsloser Revolutionär, der bedenkenlos das Bestehende niederriss, er respektierte die Überlieferung und machte sich ihre Regeln zu eigen, bevor er sie durch neue ersetzte. Beethoven steht auf einem Scheitelpunkt der Musikgeschichte als Vollender und Anreger zugleich; er ist Ende der Klassik und Beginn der Romantik.

L u d w i g   v a n   B e e t h o v e n s   M ä z e n e: 

  Fürst Karl Lichnowsky

Fürst Karl Alois Johann Nepomuk Vinzenz Leonhard Lichnowsky, Edler Herr von Woschütz (1791-1814) war der zweite Fürst Lichnowsky sowie Kammerherr am kaiserlichen Hof in Wien. Obwohl er den größten Teil seines Lebens in Wien verbrachte, hatten er und seine Familie den Hauptteil ihres Besitzes in Grätz, Mähren und in dem seit einigen Jahrzehnten preußischen und zuvor habsburgischen Schlesien. Bekannt ist er vor allem als Musik-Mäzen, aufgrund seiner Beziehungen zu Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. Lichnowsky sammelte Manuskripte mit Bachkompositionen und betätigte sich auch als Musiker. Beethoven hatte das Glück, fast alle Werke in den Salons seiner adeligen Freunde praktisch erproben zu können. Die Klavierstücke trug er meist selbst vor und seine Kammermusik konnte er getrost dem famosen Hausquartett des Fürsten Lichnowsky anvertrauen, das sich jeden Freitag zum gemeinsamen Musizieren einfand. Der beleibte Primgeiger Ignaz Schuppanzigh – seinen „Fallstafferl“ nannte er ihn – blieb Beethoven bis ans Lebensende ein treuer Freund. 

Kurz nach Mozarts Tod wurde Lichnowsky einer der wichtigsten Unterstützer Ludwig van Beethovens. 1796 begleitete der Komponist den Fürsten auf einer Reise nach Prag, von wo aus Beethoven nach Berlin weiterreiste. Im Jahr 1800 bewilligte Lichnowsky Beethoven eine Unterstützung von 600 Gulden jährlich. In einem Brief von 1805 nennt Beethoven ihn einen seiner loyalsten Freunde und Unterstützer seiner Kunst. Lichnowskys Zahlungen endeten infolge eines schweren Zerwürfnisses, als Beethoven im Herbst 1806 oder 1807 zu Gast auf Schloss Grätz war und sich weigerte, für französische Offiziere zu musizieren, die beim Fürsten zu Besuch waren. Wie berichtet wurde, hatte Beethoven „den Stuhl schon aufgehoben, um ihn auf des Fürsten Kopf in seinem eigenen Hause zu zerbrechen, nachdem der Fürst die Zimmerthür, die B. nicht aufmachen wollte, zertreten hatte, wenn Oppersdorf ihm nicht in die Arme gefallen wäre“. Nach seiner Rückkehr nach Wien zerstörte Beethoven daraufhin eine Büste des Fürsten. 

Beethoven widmete Lichnowsky sieben Kompositionen: 

  • Die drei Klaviertrios op. 1 (1793)
  • Die Klaviervariationen zu Quant’ è più bello WoO 69 (1795)
  • Die Klaviersonate c-Moll op. 13 „Pathétique“ (1798)
  • Die Klaviersonate As-Dur op. 26 (1801)
  • Die 2. Sinfonie D-Dur op. 36 (1802)

Karl Alois Fürst Lichnowsky heiratete 1788 Maria Christiane Reichsgräfin von Thun und Hohenstein (1765-1841). Auch diese Gräfin war in Wien eine Gönnerin von Mozart und Beethoven. Beethovens Die Geschöpfe des Prometheus op.43 sind der Fürstin gewidmet.*

*Brief Beethovens an Graf Moritz Lichnowsky. Baden 21. September 1814

Am 19. Februar 1796 schrieb Beethoven an seinen Bruder Nikolaus Johann aus Prag: „…Meine Kunst erwirbt Freunde und Achtung. Was will ich mehr, auch Geld werde ich diesmale ziemlich bekommen…F. Lichnowski wird wohl bald wieder nach Wien…wenn du allenfalls geld brauchst, kannst du keck zu ihm gehen da er mir noch schuldig ist…“

1800 hatte nicht nur Beethovens erste Akademie stattgefunden, Karl Alois Fürst Lichnowsky hatte ihm auch eine Jahresrente zugesagt – bis Beethoven eine Festanstellung hätte, was aber nie der Fall sein würde. Am 29. Juni 1801 schrieb Beethoven an Franz Gerhard Wegeler nach Bonn: „ich fordere und man zahlt“. Zwiespältig lieferte sich Beethoven seinem fürstlichen Gönner nicht mehr als nötig aus. War ein Musiker bloß ein Lakai der Adligen? Hat sich Beethoven über seinen Gönner geärgert, als er den Musikscherz verfasste: „Bester Graf, Sie sind ein Schaf“ – gemeint ist Lichnowsky. Adel und Beethoven: Sie waren einander nützlich, aber von einem geschmeidigen Umgang kann nicht die Rede sein. Beethoven war kein Fürstendiener wie Haydn, seine Gedanken führten ihn weiter als Mozart. Eine Gestalt so recht nach Beethovens Sinn war Egmont, der strahlende Held, der mutig gegen sein Schicksal ankämpfte. Der niederländische Feldherr, der sein Streiten für  die Freiheit mit dem Tod besiegelte, ihr aber durch seinen Untergang zum Durchbruch verhalf, war wie Coriolan, ein Streiter, dessen Geschick in Tönen nachzudichten den Komponisten lockte. Diesem Vorbild verdanken wir auch die Oper Fidelio, dessen Melodien die Freiheitsbewegung der damals fortschrittlichen Politiker und Künstler zu erfassen begannen, die den Zeitgenossen Freiheit nach  Kampf und Leid verhießen. Die Einzigartigkeit, die Fidelio zu einem der erhabensten Werke der musikalischen Dramatik machte, ist Beethovens Glut und Leidenschaft für die Freiheit zu verdanken.

Am 10. Oktober 1802 verfasste Beethoven das sogenannte „Heiligenstädter Testament“. Beethoven hatte Angst, was seine zunehmende Taubheit betraf. Auch wenn er die Hoffnung auf Besserung aufgegeben hatte, regte sich doch noch ein Funke von Besserung in ihm. Er empfahl seinen Erben „Tugend, sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld, ich spreche aus Erfahrung, sie war es, die mich selbst im Elende gehoben…; – allen Freunden danke ich, besonders fürst Lichnowski..- die Instrumente von fürst L. wünsche ich, daß sie doch mögen aufbewahrt werden…“

1806 stellte Fürst Lichnowsky seine Geldtransfers zu Beethoven ein, sodass der Komponist in Zahlungsschwierigkeiten geriet. Dennoch konnte er sich nicht überwinden, diesem Mäzen gefällig zu sein. Wenn er bei einem seiner Förderer zu Tisch war, weigerte er sich, gängige Regeln einzuhalten. Sah er darin eine Möglichkeit, sich Ansprüche vom Hals zu schaffen, die ihn schlicht überforderten? Dabei war der Wiener Adel nach der Schlacht bei Austerlitz (1805) für Beethoven gerade wieder wichtiger geworden. Mit Lobkowitz funktionierte es noch, als im März 1807 in dessen Palais die private Uraufführung des 4. Klavierkonzertes wie auch der 4. Sinfonie stattfand. Die Uraufführung von 9. Symphonie (1824) bedeutet für Beethoven Aufregungen. Als man ihn in einer organisatorischen Angelegenheit wohlmeinend zu überreden versucht, wittert Beethoven Misstrauen, gar Verrat und Betrug. Graf Moritz Lichnowsy erhält ein Billet: „Falschheiten verachte ich. Besuchen Sie mich nicht mehr. Keine Akademie wird seyn. B–vn“.*

*Brief Beethovens an Graf Moriz Lichnowsky. Wien, Anfang April 1824

Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz

Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz (1772-1816) war ein böhmisch-österreichischer Generalmajor, Kunstliebhaber und Mäzen. Vor allem durch sein ausgeprägtes Mäzenatentum auf den Gebieten Kunst, Literatur und Musik trat er hervor. Selbst musikalisch veranlagt und ein guter Geiger, bemühte er sich insbesondere um die Förderung mittelloser Komponisten und eine breite Rezeption ihrer Werke. Er vergab Kompositionsaufträge unter anderem an Joseph Haydn und ließ die Werke Ludwig van Beethovens in öffentlichen Konzerten aufführen, deren Erlös dem Künstler zugutekam. Auf seinen böhmischen Landsitzen in Raudnitz und Eisenberg sowie in seinem Wiener Palais unterhielt Lobkowitz eigene Orchester, in denen er auch selbst mitwirkte. 1804 ließ er von seinem Hoforchester in seinem Schloss Raudnitz an der Elbe Beethovens Eroica erstaufführen. Als Mitbegründer der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien förderte er auch den Zugang bürgerlicher Kreise zur Musik, Literatur und Kunst. Im Jahr 1792 heiratete er Fürstin Maria Karoline von Schwarzenberg. 1816 starb in Prag Lobkowitz’ geliebte Gattin. Forscher vermuten, dass Beethoven seinen Liederkreis An die ferne Geliebte op. 98, der laut Autograph im April 1816 entstand und Lobkowitz gewidmet ist, direkt im Auftrag des Fürsten komponierte, der damit seiner verstorbenen Frau ein Denkmal setzen wollte. 

Es war für Beethoven durchaus komfortabel, dass er den Adligen, den Vermögenden nähergekommen war, obwohl er von seiner Bonner Herkunft ein Problem mit Autoritäten hatte, eine Aversion gegen Abhängigkeit jeglicher Art. Waren die Widmungen seiner Werke an Adlige nur ein Geschäft? Prachtvolle Räumlichkeiten, Tapeten im Schein von Kerzen, der Schmuck der Frauen, Perücken, Gefunkel hatten Beethoven schon in Bonn gewaltig gestört. In Anbetracht der Not des Volkes, würde sich dies bald alles „volkstümlicher“ darstellen. Obwohl Beethoven den Glanz des Adels und die Lebensumstände der Armen kannte, war er nach gesellschaftlicher Anerkennung süchtig. Er wollte von der Aristokratie jeglicher Art – auch vom Geldadel – hofiert werden, gerade um sich davon distanzieren zu können. Trotz dieses Widerspruchs schätzte Beethoven das Mäzenatentum des Adels.

Kein anderer Komponist hat Lobkowitz eine solche Vielzahl von herausragenden Werken gewidmet wie Beethoven: 

  • Sechs Streichquartette op. 18
  • Die 3. Sinfonie Es-Dur op. 55 „Eroica“ 
  • Tripelkonzert C-Dur op. 56
  • Die 5. Sinfonie c-Moll op. 67
  • Die 6. Sinfonie F-Dur op. 68 „Pastorale“ 
  • Streichquartett Es-Dur op. 74 „Harfen-Quartett“ 
  • Liederkreis „An die ferne Geliebte“ op. 98

Beethoven verbrachte 15 Sommer in Baden bei Wien. Von 1796 bis 1834 war dieser Ort Sommersitz des Kaisers Franz I. Erzherzog Rudolph starb dort 1931 an einer Gehirnblutung. Lobkowitz veranstaltete dort häufig Bälle und Konzerte. Am 2. März 1795 war Ludwig van Beethoven erstmals bei Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz eingeladen. Im Frühjahr 1789 konnte er den Vorleser der Lobkowitz, Carl Amenda, kennenlernen, woraus sich eine der herzlichsten Männerfreundschaften entwickelte.* Beethoven widmete Amenda sein Streichquartett op.18: „Lieber Amenda! nimm dieses Quartett als ein kleines Denckmal unserer Freundschaft, so oft du dir es vorspielst, errinnere dich unserer durchlebten Tage und zugleich, wie innig gut dir war und immer seyn wird dein wahrer und warmer Freund Ludwig van Beethoven.“1800/1801 schrieb Amenda an Beethoven  „Mein Beethoven,…Du bist der der zärtlichsten und treuesten Freundschaft werth ist, die ich mit aller Hingebung Dir nie werde genug zollen können…Sieh Geliebter! So denke ich mir mein Verhältniß mit Dir…Du bist kein gewöhnlicher Mensch!“ Ein Nachsatz 1806 lautet: „Diesem Menschen hätte ich mein ganzes Leben widmen mögen“.

*Brief: Carl Amenda an Beethoven vom 20. März 1815

Ferdinand Graf Pálffy von Erdöd

Ferdinand Graf Pálffy von Erdöd (1774-1840) entstammte einem ungarischen Uradelsgeschlecht und war Sohn des Grafen Leopold Pálffy von Erdőd. Unter den berühmten Persönlichkeiten, die das umfangreiche Gebäude (Wien 1, Teinfaltstraße 8) mit vier Stockwerken und 59 Wohnungen  des Grafen Johann Pálffy bewohnten, war auch Ludwig van Beethoven. 1807 gehörte Graf Pálffy neben dem Fürsten Joseph Lobkowitz zu dem Verein von Adligen, der das Theater an der Wien erwarb, wo die meisten Uraufführungen von Beethoven zwischen 1803 und 1808 stattgefunden hatten. 1826 verlor er durch Spekulationen sein gesamtes Vermögen und war gezwungen, die Theater (Theater an der Wien, Burgtheater, Kärntnerthor Theater) auf einer Auktion zu verkaufen.

Der leicht reizbare Beethoven war immer gut für einen Eklat. Zu den Beethoven-Legenden gehört auch folgende Episode: Während eines Klavierkonzertes unterhielt sich der junge Ferdinand Graf Pálffy – der Förderer Beethovens – so laut mit seiner Frau im Nebenzimmer, dass Beethoven das Instrument mit den Worten „Für solche Schweine spiele ich nicht“ verließ. Pálffy unterstütze Beethoven weiterhin und verschaffte dem schwerhörigen Meister im Theater an der Wien einen Freiplatz „dicht hinter dem Orchester“, was Beethoven allerdings nicht daran hinderte, über Pálffy im Theater „überlaut“ zu schimpfen.* Beethoven genoss damals bereits Narrenfreiheit.

*Laut Louis Spohr, der 1813-15 Kapellmeister am Theater an der Wien war

  Kardinal Rudolph von Österreich 

Rudolph Johann Joseph Rainer von Österreich (*1788 Florenz †1831 Baden) war Erzherzog von Österreich, Erzbischof des Erzbistums Olmütz und Kardinal aus dem Hause Habsburg-Lothringen. 

Rudolph war der jüngste Sohn des Großherzogs der Toskana und späteren Kaisers Leopold II. Durch seine schwache Gesundheit und sensible Natur bewogen, trat er 1816 in den geistlichen Stand und wurde im Konsistorium vom 4. Juni 1818 von Papst Pius VII zum Kardinal erhoben. Am 9. März 1820 wurde er zum Fürsterzbischof von Olmütz inthronisiert. Beethoven nahm sich vor, zu Ehren seines hohen Freundes und zum Zeichen seiner Dankbarkeit für diesen weihevollen Anlass eine feierliche Messe zu komponieren. Zu kurz aber war die Zeit, die ihm für die Vollendung des gewaltigen Werkes bemessen war, erst drei Jahre nach der Installationsfeier konnte er dem Erzherzog eine fertige Kopie der Missa solemnis übereichen. Es sieht so aus, als habe sich Beethoven von dieser Aufgabe, die den Gattungsbegriff Messe sprengt,  überwältigen lassen. Sie war über das Tagesereignis hinausgewachsen, war zur Botschaft Beethovens an die gesamte Menschheit geworden. Fürst Nikolaus Galitzin1* subskribierte und erhielt die Uraufführung der Missa solemnis als Oratorium in St. Petersburg2* im März / April 1824 „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen!“ Schon 1807 hatte Beethoven für die Fürstin Marie von Esterházy eine Messe3* geschrieben, die von echter Gläubigkeit erfüllt ist. Rudolph, der im heutigen Gedächtnis vor allem als Komponist und als Mäzen Ludwig van Beethovens präsent ist, war ein großer Freund und Förderer der Kunst. Er spielte selbst Klavier und komponierte auch. Um 1808 wurde er Schüler von Ludwig van Beethoven und war zugleich der Einzige, den Beethoven zu dieser Zeit noch unterrichtete. Die Gefühle des Lehrers für seinen fürstlichen Eleven hatten sich von Hochachtung vor dessen Fähigkeiten zu echter Freundschaft gewandelt, die vom kaiserlichen Prinzen trotz des Standesunterschiedes erwidert wurde. Und wenn der ungebärdige Meister bei aller Ehrerbietung sich nicht an die steife Hofetikette gewöhnen wollte, gebot dieser, man möge Beethoven so nehmen, wie er nun einmal sei.  Ab 1809 zahlte er ihm eine jährliche Rente von 1500 Talern, um ihn in Wien zu halten. Beethoven war auch zu Gegenleistungen bereit, indem er für ein „Karussell“ am 28. August 1819 in Laxenburg eine „Pferde-Musik“ verfasste: „Ich merk Es“ schrieb er an Ehz. Rudolph,  „Euer Kaiserl. Hoheit wollen meine Wirkungen Der Musick auch noch auf die Pferde versuchen laßen. Es sey, ich will sehen, ob dadurch die Reitenden einige geschickte Purzelbäume machen können“

1*Galitzin, der die Jahre 1802 bis 1806 in Wien verbrachte, gehörte schon früh zu den Verehrern Beethovens
2*Brief Beethovens an die Philharmonische Gesellschaft in St. Petersburg. Vienne, le 21 Juin 1823
3*Messe in C-Dur op. 86

Beethoven widmete ihm zahlreiche bedeutende Werke, darunter: 

  • 4. Klavierkonzert G-Dur op. 58
  • 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73 
  • Klaviersonate Es-Dur op. 81a
  • Violinsonate G-Dur op. 96 (1812)*
  • Klaviertrio B-Dur op. 97 (Erzherzog-Trio)
  • Klaviersonate B-Dur op. 106 (Hammerklavier-Sonate) 
  • Klaviersonate c-Moll op. 111 
  • Große Fuge B-Dur für Streichquartett op. 133
  • Bearbeitung der Großen Fuge für Klavier zu vier Händen (1826), op. 134
  • Missa solemnis op. 123 (zur Inthronisation als Erzbischof von Olmütz)

Erzherzog Rudolph komponierte auch; u.a. schrieb er „40 Variationen op. 1 über ein Thema von Ludwig van Beethoven für Klavier“ (1818–19).

Kardinal Rudolph starb in Baden bei Wien und wurde in der Kapuzinergruft zu Wien beigesetzt. Sein Herz wurde im Olmützer Wenzels Dom bestattet. 

*Brief Beethovens an Erzherzog Rudolph in Baden. Wien 11. Juli 1816

 Fürst Ferdinand Kinsky

Fürst Ferdinand Johannes Nepomuk Joseph Kinsky von Wchinitz und Tettau (1781-1812) war ein böhmischer Adeliger und österreichischer Offizier. Sohn des Fürsten Joseph Kinsky und seiner Frau Maria Rosa, geb. Gräfin Harrach, wurde er im Alter von 17 Jahren Fürst und Majoratsherr. Der Einfall der Franzosen 1809 bewog ihn, dem Landsturm als Hauptmann beizutreten. Das von ihm geführte Bataillon focht in den Schlachten von Regensburg, Aspern und Wagram. Erzherzog Karl zeichnete ihn auf dem Schlachtfeld von Aspern mit dem Militär-Maria-Theresia-Orden aus. Ferdinand Fürst Kinsky war zusammen mit dem Fürsten Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz und Erzherzog Rudolf einer der großen Förderer Beethovens. Mit ihnen zusammen stiftete er dem Komponisten ab 1809 eine lebenslange Rente. 1812 stürzte er bei der Besichtigung seiner Güter vom Pferd und starb kurz darauf an den Folgen des Unfalls.

Durch das Finanzpatent (15. 3. 1811) wurden die Wiener „Bankozettel“ im Verhältnis 5:1 durch neues Papiergeld, die Einlösescheine ersetzt, wodurch Beethoven seine Kinsky-Rente einklagte: „Bei S K. H dem Erzherzoge R. hatte diese Münzveränderung keinen Unterschied gemacht, denn ich erhielt seinen Antheil in Einlösscheinen wo wie vorhin in Bancozetteln ohne alle Berechnung der Scala, weswegen mir auch s. Durchl. der hochselige Fürst von Kinsky seinen Beitrag mi 1800 f in Einlösscheinen ohne Anstand erfolgen zu laßen zusicherte.“*

*Brief Beethovens an das böhmische Landrecht in Prag: Wien, Anfang Januar 1815

Fürst Andrei Rasumowski 

Der kunstsinnige Graf (ab 1815 Fürst) Andrei Kirillowitsch Rasumowski (1752–1836) lebte als Gesandter des russischen Hofes jahrzehntelang in Wien. 1808 bis 1816 unterhielt Rasumowski das erste professionelle Streichquartett mit Ignaz Schuppanzigh als Primus. Es trat zunächst nur in privaten Veranstaltungen auf, später auch öffentlich. In seinem Palais, in dem auch Beethoven ein und aus ging entfaltete der Fürst einen ungewöhnlichen Prunk. Rasumowski selbst spielte Violine. Von Rasumowskis Mäzenatentum profitierten mehrere bedeutende Komponisten, mit denen er persönlich befreundet war, darunter Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und insbesondere Ludwig van Beethoven. Dieser widmete ihm die sogenannten Rasumowski-Quartette op. 59 Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 3, außerdem die 5. Sinfonie c-Moll op. 67  und die 6. Sinfonie F-Dur op. 68. Am 31. Dezember 1814 stand das Palais Rasumowski in Flammen. Alles, was der Fürst und Kunstsammler mit erlesenem Geschmack und verschwenderischen Mitteln an Schätzen zusammengetragen hatte, wurde ein Raub der Flammen. Rasumowski entsagte allem gesellschaftlichen Leben und entließ das berühmte Rasumowski-Quartett.                                           

Beethovens Rentenvertrag. Wien, März 1809

Vor dem 1. November 1808 hatte Beethoven von Jérôme Bonaparte, Bruder Napoleons und König von Westfalen, das sehr lukrative Angebot erhalten, erster Hofkapellmeister in Kassel zu werden. Diese Einladung erreichte Beethoven in einem Augenblick, da er sich über seine Zukunft Gedanken zu machen begann. Nicht, dass er finanzielle Sorgen hätte haben müssen –  Beethoven war zeit seines Lebens ein guter Geschäftsmann, die Verleger stritten sich um seine Werke, und es galt als hohe Ehre, von ihm als Schüler angenommen zu werden. Nein, Beethoven begehrte, frei von allen Rücksichten auf Gesellschaft und Publikum nur seinem Schaffen leben zu können. Man hatte in der Wiener Aristokratie bestürzt vom Antrag aus Kassel gehört, und es herrschte die Meinung: Beethoven musste Wien erhalten bleiben. Wahrscheinlich durch Vermittlung von Gräfin Erdödy verhandelte Beethoven ab Anfang 1809 mit Erzherzog Rudolph, Fürst Kinsky, Fürst Lobkowitz um ein festes Gehalt, das seine Abwanderung aus Wien verhindern sollte. Verhandlungsführer ist sein Freund Baron Ignaz von Gleichenstein. Der schließlich zustande gekommene Rentenvertrag sichert Beethoven ein Jahresgehalt von insgesamt 4000 Gulden; den Betrag teilen sich die drei Adeligen zu unterschiedlichen Anteilen.1* Einzige Bedingung des Vertrags war, dass Beethoven das Angebot aus Kassel ablehnte und in Wien bliebe. Der Erzherzog zahlte die vereinbarte Summe jährlich. Lobkowitz zahlte wohl bis 1811, wurde aber wegen seines aufwendigen Lebensstils unter Kuratel gestellt. Beethoven klagte seine Ansprüche aus dem Rentenvertrag ein und bekam recht. Lobkowitz legte beim für den Adel zuständigen Appellationsgericht Berufung ein, das zugunsten Beethovens entschied. Und Kinsky starb 1812 durch einen Reitunfall. Es war nicht leicht für Beethoven, die Erben des Fürsten auf Einhaltung des Vertrags zu verpflichten – Beethoven gewann ebenfalls.2*

1*Erzherzog Rudolph fl. 1500 / Fürst Lobkowitz fl. 700,- / Fürst Kinsky fl. 1800,-
2*Brief Beethoven an das böhmische Landrecht in Prag von Wien, Anfang Januar 1815

Haydn war auf dem Schloss des Fürsten Esterházy nicht viel mehr als ein Diener unter Lakaien; Mozart, der sich sein Leben lang von jeder Dienstbarkeit freizumachen suchte, war daran zerbrochen; nur Beethoven erhielt eine gesicherte Freiheit, wie sie vor ihm bislang kein Künstler genossen hatte. Mit Beethoven beginnt die Epoche des frei Schaffenden, der nur sich selbst und seinem künstlerischen Gewissen verantwortlich ist.

                      Kaum hatte Beethoven den Vertrag, der ihn aller materiellen Sorgen enthob, schrieb er seinem Freund Ignaz von Gleichenstein nach Freiburg: „…Nun kannst Du mir helfen eine Frau suchen; wenn Du dort in F. eine schöne findest, die vielleicht meinen Harmonien einen Seufzer schenkt, so knüpf im voraus an. – Schön muß sie aber sein, nichts nicht Schönes kann ich nicht lieben – sonst müßte ich mich selbst lieben.“*

*Brief 18. März 1809

L u d w i g   v a n   B e e t h o v e n s   F r a u e n : 

„Deine Liebe machte mich zum Glücklichsten und zum Unglücklichsten zugleich.“1*

Beethoven – „seine Person ist klein (so groß sein Geist und Herz ist), braun, voll Blatternarben, was man nennt: garstig, hat aber eine himmlische Stirn, die von der Harmonie so edel gewölbt ist, daß man sie wie ein herrliches Kunstwerk anstaunen möchte“ 2*– war seinem Wesen nach nicht für die Einsamkeit geschaffen, er liebte Gesellschaft und Geselligkeit, er wollte jemand Vertrauten an seiner Seite haben, „soll mir das gemeine Leben nicht zu last werden“

1788 keimt in Beethoven seine erste innige Zuneigung zu Eleonore von Breuning, seinem Lorchen auf. Aber es ist nicht leicht, Beethovens Freund zu sein, sein Temperament, seine Reizbarkeit, seine schwärmerische Wertherstimmung schlägt beim kleinsten Anlass jäh in unbeherrschten Zorn um. Sie versteht solchen „Raptus“ als Ausbruch leidenschaftlicher und genialer Kräfte, deren Besitzer selbst nicht Herr zu werden vermag. „Sie erhalten hier eine Dedication von mir an Sie, wobei ich nur wünschte, das Werk wäre größer und Ihrer würdiger. Man plagt mich hier um die Herausgabe dieses Werkchens und ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen, meine verehrungswürdige Eleonore, einen Beweis meiner Hochachtung und Freundschaft gegen Sie und eines immerwährenden Andenkens an Ihr Haus zu geben. Nehmen Sie diese Kleinigkeit hin, und denken Sie dabei, Sie kommt von einem Sie sehr verehrenden Freunde. O, wenn Sie Ihnen nur Vergnügen macht, so sind meine Wünsche ganz befriedigt. Sollten Ihnen meine Briefe Vergnügen verursachen, so verspreche ich Ihnen gewiß, so viel mir möglich ist, hierin willig zu sein, so wie mir Alles willkommen ist, wobei ich Ihnen zeigen kann, wie sehr ich bin Ihr Sie verehrender wahrer Freund L. v. Beethoven“ 3*

1*7. Juli 1812 Beethoven an die Unsterbliche Geliebte
2*Bettina Brentano über Beethoven
3*Brief Beethovens an Eleonore von Breuning, Bonn. Wein, 2. November 1793

                                                                        Gräfin Josephine von Brunsvik                                      Gräfin Therese von Brunsvik1*

Bis zu seinem 28. Lebensjahr hatte Beethoven fast nur Frauen getroffen: Mütter,2* Schwestern, Klosterfrauen, Frauen von Freunden, von Förderern. Es waren verehrte, bewunderte Frauen darunter, aber auch geliebte. Beethoven war ständig auf der Suche nach privater Häuslichkeit, nach einer Frau. „Sind Ihre Töchter schon groß, erziehen Sie mir eine zur Braut, denn wenn ich ungeheirathet in Bonn bin bleibe ich gewiß nicht lange da.3* Er war nicht „vernünftig“ genug, verbrachte zu viel Zeit auf den Gütern seiner Gönner, mietete nie eine eigenständige Wohnung. Im Mai 1797 traf Beethoven die verwitwete Gräfin Anna von Brunsvik mit ihren Töchtern. Die Gräfin war verwitwet und wohlhabend genug, ihren Kindern eine hervorragende Bildung angedeihen zu lassen. Sie lebte auf ihrem Familiensitz, Schloss Martonvásár bei Budapest und war mit der 24-jährigen Therese und der 19-jährigen Josephine nach  Wien gekommen, wo sie von Beethoven in Klavier unterrichtet wurden . Alle verehrten Beethoven. Die attraktive Josephine, die Beethoven beeindruckte, kam in die engere Wahl, seine Unsterbliche Geliebte zu sein – natürlich hatte Beethoven nicht die geringste Chance. Am 23. Mai 1799, zwei Wochen nachdem er die Schwestern Brunsvik kennengelernt hatte, schrieb er ihnen ins Stammbuch „Ich denke Dein“ und komponierte Variationen zu vier Händen für die Schwestern. 

1*Beethoven Museum Bonn
2*L. v. Beethoven 1787: „O! wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen Mutter aussprechen konnte, und er wurde gehört, und wem kann ich ihn jetzt sagen?“
3*Beethoven Brief an Nikolaus Simrock, Bonn. Wien, 2. August 1794

Zwei Jahre später ist Beethoven wieder verliebt, es ist die 19-jährige „Giulietta“ Julie Gräfin von Guicciardi, die seit Herbst 1801 seine Klavierschülerin war. Österreichischer Adel und eine Freundin der Brunsvik Schwestern, aber nicht von seinem Stand. 1802 widmete Beethoven ihr die Mondscheinsonate, im Jahr darauf heiratete die Schöne einen Grafen. War seine Zuneigung nur eine Schwärmerei oder war sie Inspiration? Das unbeherrschte, rasch entflammte Temperament Beethovens musste beim ungestümen Werben immer auf Widerstand stoßen und ließen oft einen unglücklichen Liebhaber zurück. Dabei fehlte es in Beethovens Leben nicht an noblen Frauengestalten, die ihm Verstehen und warme Freundschaft entgegenbrachten.

  Julie Guicciardi (Beethoven Museum Bonn)

Wir haben bereits Beethovens frühe Liebe kennengelernt: die bezaubernde Komtesse Giulietta Guicciardi, daneben ihre Freundinnen, die Schwestern Therese und Josephine von Brunswick, damals als die drei jungen Gräfinnen bei ihm Unterricht genossen. Therese, die unvermählt blieb, schrieb in ihren Memoiren: „Damals ward mit Beethoven die innige, herzliche Freundschaft geschlossen, die bis an sein Lebensende dauerte“. Mehr als die Therese schlug die jüngere Schwester Josephine den Meister in ihren Bann. Auf Drängen der standesbewussten Mutter hatte sie jedoch in eine Ehe mit dem Grafen Josef Deym gewilligt – Beethoven wird ihm einmal eine Komposition für eine Flötenuhr liefern. Da ihrem Gatten Verständnis für Musik fehlte, fand die einsame Josephine im Umgang mit Beethoven Trost und Zerstreuung. Bereits nach vier Jahren Witwe, sahen sich Beethoven und Josephine fast täglich und es keimte zwischen beiden eine tiefe Liebe auf, die ihnen Seligkeit aber auch Verzicht beschied. Die Verwandten der Gräfin missbilligten die Beziehungen der Adligen zu einem Musiker und Therese schrieb besorgt an ihre Schwester: „Aber sage mir, Pepi und Beethoven, was soll daraus werden. Sie soll auf ihrer Hut sein! Ihr Herz muß die Kraft haben nein zu sagen, eine traurige Pflicht, wenn nicht die traurigste aller!“ Josephine verzichtet schließlich auf eine eheliche Verbindung mit Beethoven und heiratet 1810 Baron von Stackelberg. Enttäuscht und verletzt zieht sich Beethoven zurück – gibt es keine Erfüllung seines Sehnens? Dass es zu keiner Verbindung kam, konnte nicht daran gelegen sein, dass Beethoven nicht adlig war. Nein, Beethovens Unfähigkeit, sein Gegenüber wirklich zu erkennen war es. Josephine war eine fruchtbare Frau, denn zu ihren vier Kindern folgten noch weitere – am 8. April 1813 Minona, interessanterweise lautet der Name Minona rückwärts gelesen ‚anonim‘. Der Vater? Da ist bis heute Beethoven unter Verdacht. Doch ist daraus etwa abzuleiten, ob es Beethovens Leben beeinflusst hätte? Josephine starb 1821 vereinsamt; sie wurde auf dem Währinger Friedhof (wie später Beethoven) beigesetzt. Minona, unverheiratet und kinderlos, nach einem langen Leben 80 Jahre später. Jahrzehnte nach Josephines Tod notierte deren Schwester Therese in ihrem Tagebuch: „Beethoven! ist es doch wie ein Traum, dass er der Freund, der Vertraute unseres Hauses war – ein herrlicher Geist! warum nahm ihn meine Schwester Josephine nicht zu ihrem Gemahl als Witwe Deym? Sie wäre glücklicher geworden als mit St[ackelberg]. Mutterliebe bestimmte sie – auf eigenes Glück zu verzichten“; und sie erinnerte sich: „ich glückliche hatte Beethovens intimen, geistigen Umgang so viele Jahre! Josephines Haus- und Herzensfreund! Sie waren für einander geboren und lebten beide noch, hätten sie sich vereint.“

Und da gibt es noch einen Brief Beethovens, dessen Wortlaut man auf sich wirken lassen kann, ohne an eine bestimme Frau zu denken: „…Ach, wo ich bin, bist du mit mir, mit mir und dir rede ich mache daß ich mit dir leben kann… – und wenn ich mich im Zusammenhang des Universums betrachte, was bin ich und was ist der – den man den Größten nennt – und doch – ist wieder hierin das Göttliche des Menschen – …Ach gott – so nah! So weit! Ist es nicht ein wahres HimmelsGebäude unsre Liebe – aber auch so fest, wie die Veste des Himmels.“ Und am Morgen des 7ten Juli fährt Beethoven fort: „– schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir mein Unsterbliche Geliebte…“ Wer war die unsterbliche Geliebte? Wir wissen es nicht und jede Spekulation ist sinnlos. Mit gefühlvollen Formulierungen war Beethoven stets großzügig. 

Dorothea von Ertmann (Beeth.Museum Bonn)

In einem Wiener Salon begegnen wir einer weiteren Freundin Beethovens, der Pianistin Dorothea von Ertmann, die als eine der besten und verständnisvollsten Interpretinnen Beethovens Klaviermusik galt. Der Komponist schrieb ihr eine Glückwunschkarte: „An die Baronin Ertmann zum neuen Jahre 1804 von ihrem Freunde und Verehrer Beethoven.“ Als seine „Dorothea-Cäcilia“ war sie Beethovens schwärmerischen Verehrung sicher. „Nie werde ich vergessen, welch warmes und inniges Interesse Beethoven mir und den Meinigen bezeigte,“ vertraut Dorothea einem Brief an.

Beethovens Beziehung zu Josephine hält an. Im Sommer 1804 schreibt er an Gräfin Josephine Deym, geborene Brunsvik: „Ich wußte es gestern selbst nicht, daß ich im stande Wäre, ihre sehsucht nach etwas Neuem zu stillen; – die 2te Sonate in diesem ihnen hier zugeschikten Werk ist neu, noch hat sie Niemand hier, ich muß sie also wohl recht sehr bitten, sie auch Niemandem zu geben…Morgen gegen Abend werde ich wohl das Vergnügen haben können, in ihrer und Charlottens Gesellschaft sejn zu können – leben sie wohl liebe gute Gräfin. Ihr ergebenster Beethoven.“ Und am 20. Sept. 1807 liest man: „Liebe, geliebte, einzige J.! – auch wieder nur einige Zeilen von ihnen machen mir große Freude – Wie oft habe ich geliebte J. mit mir selbst gekämpft, um das Verbot, welches ich mir auferlegte, nicht zu überschreiten – aber Es ist vergebens, Tausend Stimmen flüstern mir immer zu, daß sie meine einzige Freundin meine einzige Geliebte sind – ich vermag es nicht mehr zu halten, was ich mir selbst auferlegte, o liebe J., lassen sie unß unbekümmert auf jenem Wege wandeln, worauf wir so oft glücklich waren… – vergeßen sie nicht – verdammen sie nicht ihren ihnen ewig treu ergebenen Beethoven.“

Gräfin Anna Maria Erdödy 

Die leidenschaftliche künstlerische Auseinandersetzung mit seinen Klavierwerken machten Beethoven innerlich frei; nur durch sein Schaffen wurde er mit seinem Leben fertig. Die Frauengeschichten liefen weiter: Nach der Episode mit Josephine und Giulietta hatte Beethoven in der edlen Gräfin Anna Maria Erdödy eine gütige Freundin gefunden, der er sein Herz ausschütten konnte – den „Beichtvater meiner Seele“, nannte er sie dankbar. Die Gräfin von Erdődy (1770-1837) war eine ungarische Adlige. Sie heiratete den Grafen Péter von Erdődy und hatte mit ihm drei Kinder. 1805 trennte sie sich von ihrem Mann und lebte später in einer eheähnlichen Gemeinschaft mit ihrem Sekretär und Musiklehrer ihrer Kinder, Franz Xaver Brauchle* (1783–1838), der auch als Komponist hervortrat. Sie gehörte schon früh zu den großen Verehrerinnen und engsten Vertrauten von Beethoven. Von 1808 bis 1809 wohnte der Komponist in ihrer großen Wohnung in der Wiener Krugerstraße Nr. 1074. Daneben besaß sie ein kleines Landgut in Jedlesee bei Wien, das heute die Beethoven-Gedenkstätte Wien-Floridsdorf beherbergt. Wie alle Frauen Beethovens musste auch sie oft Misstrauen und grimmige Launen des Meisters über sich ergehen lassen. Sie hielt ihm aber die Treue und zum Dank widmete Beethoven ihr beide Trios op.70 in D-Dur und in Es-Dur für Klavier, Violine und Violoncello. Ihr sind auch die beiden Sonaten für Klavier und Violoncello op. 102 und der Neujahrskanon Glück, Glück zum neuen Jahr WoO 176 (1819/20) gewidmet; der Klavierpart von op. 102 ist A. M. zugedacht, der Cellopart J. Linke, der sich im Dienst der Erdödys befand (op. 70 wurde von Beethoven mit Schuppanzigh und Linke im Haus der Gräfin uraufgeführt).

*Brief Beethovens am J. X .Brauchle in Jedlesee vom 1. März 1815

Porträtrelief auf der Beethoven-Gedenkstätte in Jedlesee

Den Sommer 1808 verbrachten die Familien Grillparzer und Beethoven ihren Landaufenthalt im gleichen Haus in Heiligenstadt. Anna Franziska, geborene Sonnleithner1* – sie war drei Jahre älter als Beethoven – mag den mit Gehörproblemen unsicheren Beethoven irritiert haben. Von seiner unordentlichen Wohnung, seinem zerzausten Aussehen und seinem außer der Norm geführten Leben erzählt Franz Grillparzer in einem Aufsatz, der 1827 erschien.

1805 lebten die Brüder Ludwig und Kaspar Beethoven eine Zeitlang zusammen in einer Wohnung in Wien. Kaspar verliebt sich in Johanna Reiss und heiratet sie. Am 4. September 1806 wird ihr Sohn Karl geboren. Spekulation gingen in die Richtung, dass Ludwig ab 1805 ebenfalls in Johanna verliebt war,2* Karl sein Kind war, Johanna seinen Bruder vorzog, weil dieser finanziell abgesichert war und Ludwig aus gekränkter Eitelkeit und Eifersucht Johanna versuchte zu schaden, wo er konnte. 1815 nach Kaspars Tod übernimmt Ludwig van Beethoven die Vormundschaft für Karl, woraus hässliche Prozesse um die Vormundschaft für Karl, die Ludwig von bis 1820 in Atem halten und zum Zerwürfnis mit Johanna führen. 1827 auf dem Totenbett unterschreibt Ludwig eine Erklärung, die Johanna wieder das alleinige Sorgerecht zuerkennt.

1*Anna Franziska, geb. Sonnleither war die Mutter von Franz Grillparzer
2*Diese Theorie vertritt Bernhard Rose in seinem Film „Immortual Beloved“ von 1994

Therese von Malfatti*

*Beethoven Museum Bonn

Der Jurist Ignaz von Gleichenstein, der Beethovens Stiftungsbrief aushandelte, ein Kollege von Stephan von Breunings, war seit 1807 mit Beethoven befreundet. 1809 lernte er durch ihn Therese Malfatti kennen. Im Mai 1810 erhält Franz Wegeler in Koblenz einen Brief, in dem Beethoven seinen Freund bittet, ihm seinen Taufschein zu besorgen – es scheint, dass er wieder Heiratspläne schmiedet. Sie galten der um vieles jüngeren Therese von Malfatti, in  deren Haus Beethoven damals viel verkehrte. Das faszinierende Mädchen mit schwarzbraunen Locken und ihrem feurigen Temperament lässt den armen Beethoven mit seiner stürmischen Neigung zwischen Hoffnung und Verzagtheit bangen. „Leben Sie nun wohl, verehrte Therese, ich wünsche Ihnen alles, was im Leben gut und schön ist, erinnern Sie sich meiner und gern – vergessen Sie das Tolle – sein Sie überzeugt, niemand kann Ihr Leben froher, glücklicher wissen wollen als ich und selbst dann, wenn Sie gar keinen Anteil nehmen…an Ihrem ergebensten Diener und Freunde Beethoven“. Beethoven macht Therese Malfatti einen Heiratsantrag, den sie abgelehnt haben soll. Dass sie eine attraktive Kandidatin für die „Unsterbliche Geliebte“ war, kann man gut nachvollziehen. Da passt vieles: Ihre Schwester Anna Malfatti war mit dem Beethoven-Freund Gleichenstein verlobt, sie selbst war die Cousine des Arztes Johann Baptist Malfatti, den Beethoven ab 1809 konsultierte. Eine richtige Frau hätte Beethoven vielleicht durch diese schwierigen Jahre helfen können. Aber einfach wäre das für beide nicht geworden – Therese hätte diese Probe wahrscheinlich nicht bestanden. Musikalisch hat er dieser Liebe mit dem Therese zugeeigneten, später fälschlich „Für Elise“ betitelten Albumblatt ein Denkmal gesetzt, das in seiner Anspruchslosigkeit eines der rührendsten Zeugnisse Beethovenscher Kunst ist. 

Bettina von Arnim um 1809*

*Beethoven Museum Bonn

Beethoven, der durch sein Schaffen und sein Gehör-Leiden immer einsamer in der Welt wurde, verlangte nach der warmen Geborgenheit der Ehe. In der zwischen Niedergeschlagenheit und hochgemuter Arbeitslust schwankenden Stimmung bezauberten Beethoven die Anhänglichkeit eines jungen Mädchens, das im Frühjahr 1810 aus Frankfurt nach Wien gekommen war: Bettina von Brentano. Bettina war selbst ein Schwarmgeist, die die Musik als das Unendliche im Endlichen erlebte. Diese überschwängliche, phantasiegeladene  Vertreterin der deutschen Romantik hat mit weiblicher Einfühlung tief in die Seele des Komponisten geschaut und hellsichtig das Wesen des musikalischen Genius erfasst. Ihr haben wir Lieder auf Texte von Goethe zu verdanken wie: „Wonne der Wehmut“, „Herz, mein Herz“, „Kennst du das Land“ und das Flohlied „Es war einmal ein König“ aus Faust. Beethoven öffnete dem jungen Mädchen sein Herz: „Ihren Brief habe ich den ganzen Sommer mit mir herumgetragen und er hat mich oft selig gemacht…Nun leb wohl, liebe, liebe B. ich küsse Dich auf Deine Stirne und drücke damit wie mit einem Siegel alle meine Gedanken für Dich auf. – Schreiben Sie bald, bald, oft Ihrem Freunde Beethoven“. *

*Wien, Februar 1811

Ist Antonia von Brentano (1780-1869) Beethovens „Unsterbliche Geliebte“? Sie schreibt an ihre Schwägerin Bettina von Arnim:* “Beethoven ist mir einer der liebsten Menschen geworden… Er besucht mich oft, beinahe täglich, und spielt dann aus eignen Antrieb, weil es ihm Bedürfniß ist Leiden zu mildern, und er fühlt daß er es mit seinen himmlischen Tönen vermag, in solchen Augenbliken muß ich dich oft lebhaft herbey wünschen liebe Bettine, das solche Macht in den Tönen liegt habe ich noch nicht gewußt wie es mir Beethoven sagt.“

*Wien, 11. März 1811

Amalie Sebald*

*Beethoven Museum Bonn

Die junge Sängerin Amalie Sebald galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Beethovens „unsterbliche Geliebte“. Beethoven lernte sie im Sommer 1811 im Badeort Teplitz kennen. Damals gewann die Sängerin mit den melancholischen Augen das Herz des Komponisten, der sie 1812 wieder in Teplitz traf. Mit ihr wechselte der Meister zärtlich-heitere Billets wie: „Ludwig van Beethoven – den Sie, wenn Sie auch wollten, doch nicht vergessen sollten.“ Amalie Sebald heiratete später, während Beethoven unverehelicht blieb und noch fünf Jahre später gegenüber Gianastasio de Rio äußerte, er habe kaum Hoffnung, die Frau, in die er sich verliebt habe, für sich zu gewinnen. Nach Beethovens Tod fand man drei Briefe, die er in jenem Teplitzer Juli voll ungestillter Liebessehnsucht geschrieben haben muss. Wurden sie je abgeschickt? Erhielt er sie von der Angebeteten wieder zuck? Wem galten sie, Theres Malfatti, Amalie Sebald oder gar einer uns noch unbekannten Freundin? Auf diese Fragen wissen wir keine Antwort. Beethoven aber hat mit diesen glutvollen Briefen an eine ungenannte Geliebte seiner Liebe ein unsterbliches Denkmal gesetzt:* „Mein Engel, mein alles, mein Ich….Die Brust ist voll, dir viel zu sagen – ach – es gibt Momente, wo ich finde, daß die Sprache noch gar nichts ist – erheitere dich – bleibe mein treuer, einziger Schatz, mein alles, wie ich dir; das Übrige müssen die Götter schicken, was für uns sein muß und sein soll…ist es nicht ein wahres Himmels Gebäude unsere Liebe. Dein treuer Ludwig“.

*An die „Unsterbliche Geliebte“ Am 6ten Juli Morgends (1812)

  Nanette Streicher (Beethoven Museum Bonn)                                                                                                    Die vielen Besucher, die Beethoven Aufwartung machten, berichteten von jener wahrhaft genialen Unordnung, jenem „Allegro di confusione“. Er konnte sich niemals an eine feste Wohnung gewöhnen; alles sechs Monate muss er die Wohnung, alle sechs Wochen das Dienstmädchen wechseln. Es muss ein schwieriges Unterfangen gewesen sein, dem reizbaren und launenhaften Beethoven die Freundschaft  zu halten, dass seine häufigen Klagen über die Arglist und Pflichtvergessenheit der Dienstboten meist den wahren Grund verheimlichen: sein eigenes Temperament, sein oft unberechtigtes und beleidigendes Misstrauen. Beethoven drangsalierte seine Küchen- und Stubenmädchen; kein Wunder dass Beethovens Tagebücher das ständige Kommen und Gehen der Hausbedienten melden. Über seinen Haushalt wachte wie ein guter Engel Nanette Streicher, selbst achtbare Klavierspielerin. Sie  berät ihn im häuslich-praktischen Sinn, verhandelt mit den Dienstboten, kümmert sich um Garderobe, ordnet seine Geld- und Wirtschaftsangelegenheiten. Sie ist eine der liebenswürdigsten Frauengestalten in Beethovens Leben.                                     Gedenktafel „Altes Streicherhaus“, Wien, Ungargasse 46

C o d a 

Ende Juni 1813 beginnt mit Wellingtons Sieg bei Vittoria der Anfang vom Ende Napoleons. Mit dem bombastischen Stück „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“, mit diesem kolossalen Spektakel erreicht Beethoven, was ihm in solchem Maße mit keinem bisherigen Werk gelungen war: er wurde zum Tagesgespräch weit über Österreich hinaus. Im September 1814 empfängt die alte Kaiserstadt Dignitäten aus allen Ländern Europas zum  Wiener Kongress. Inmitten des tollen Wirbels von Vergnügen und Intrigen bewegt sich als Angesehener unter Angesehenen Ludwig van Beethoven – seit seiner Schlachtenmusik bewundert man den Künstler des Tages, auch der Wiener Kongress wird mit Beethovens Oper „Fidelio“ eröffnet. Unter dem Eindruck der Rückkehr Napoleons von seinem Exil auf Elba löst sich im Frühjahr 1815 der Wiener Kongress auf. Der „abgebrannte“ Rasumowski vereinsamt, Lobkowitz steht auf Grund der Finanzkrise unter Vormundschaft, der große Gönner Lichnowsky ist seit kurzem tot – damit versinkt auch für Beethoven eine Welt strahlender Geselligkeit, glanzvollen Ruhms, und er zieht sich in seine eigene Welt sittlicher Hoheit und Größe zurück. „Nicht mein jetziges Alltagsleben fortsetzen, die Kunst fordert auch dieses Opfer“, notiert er in sein Tagebuch, „alles was Leben heißt, sei der Erhabenen geopfert und ein Heiligtum der Kunst!“ Obwohl Beethoven grollt: „Für das Gute, das Kräftige, kurz für die wahre Musik hat man keinen Sinn mehr! Ja, ja, so ist’s, ihr Wiener! Rossini und Konsorten, die sind eure Helden. Vor mir wollen sie nichts mehr…“, lässt sich Beethoven zu einer Akademie umstimmen, bei der Teile der Messe und Die Neunte Sinfonie mit dem Schlusschor zum ersten Male in Wien aufgeführt werden. „Arbeite ich einige wochen hintereinander, daß es schien mehr für den Tod als für die Unsterblichkeit“*

*22. Nov. 1809 Beethoven an Breitkopf & Härtel in Leipzig

Comedia finita: „…ich zeige Ihnen daher durch dieses eigenhändig an, daß ich meinen geliebten Neffen Karl von Beethoven zu meinem Universalerben erkläre, u. daß ihm alles + ohne ausnahme + was nur den Nahmen hat irgend eines Besitzes von mir nach meinem Tode…Eigenthümlich zugehören soll…“*

*Brief Beethovens am 6. März 1823 an den Hof- und Gerichtsadvokaten Johann Baptist Bach 

„Die musikalische Welt erlitt  den unersetzlichen Verlust des berühmten Tondichters am 26. März 1827…im 56. Jahr seines Alters.“ Franz Grillparzer hatte eine bewegende Grabrede verfasst, die am Währinger Friedhof vorgetragen wurde.

Zuletzt noch Gender-Gedanken zu: „Hat die Musik Beethovens ein Geschlecht?

Mit Gender bezeichnen wir die kulturellen bzw. sozial konstruierten Anteile des Geschlechts. Musik war auch zur Zeit Beethovens nicht allein Männersache – erinnern wir uns, wie viele Klavierschülerinnen Beethovens Unterricht genossen. Obwohl in der Musik des 19. Jahrhunderts Machkonstellationen eine Rolle spielten, stellen wir die Frage: „Hat die Musik ein Geschlecht?“ Vergleicht man die heroische Musik der 5. Symphonie oder „Wellingtons Sieg“ mit dem Lied „Nur wer die Sehnsucht kennt“ oder dem Albumblatt „Für Elise“, findet man eine eindeutige Antwort. Man kann die Frage aber auch unter dem Begriff des Feminismus diskutieren. Inwiefern Feminismus in einem Kunstwerk repräsentiert ist und ob die Musik Beethovens eine Art Geschlechtlichkeit bekommt. 

Wenn man bedenkt, welche Probleme es in bestimmten Phasen Beethovens gab – um auf seine Biographie zu kommen – hat die Frage „Hat die Musik ein Geschlecht?“ eine ganz andere Bedeutung. Manchmal imaginiert Beethoven in einer romantischen Melodie seine Traumfrau, die er aber genau nicht heiratet. Wenn man in die symphonische Musik Beethovens genau hineinhört, verstehen wir, wo er männliche Gedanken eingestreut hat, und wo es weiblich klingt. Verwendete Beethoven irgendeinen musikalischen Ausdruck für eine Frau oder für einen Mann? Ist es, dass das Frauliche immer lieblich singt und der Mann stets kräftig klingt? Spezielle politische Ereignisse, wie Wellingtons Sieg, beeinflussten den Komponisten und so ließ er das politische Konzept ganz bewusst in sein Kunstwerk einfließen.

Es wäre auch zu untersuchen, wie Beethoven die Tonarten verstand. Steht das Stück in Dur oder Moll, welche Vorzeichen hat es und wieviel b oder # verwendete er? Wie geht Beethoven mit harmonischen Mitteln, mit Gestaltungskriterien um, die weiblich / männlich gelesen werden können. Nicht nur die Tonarten, sondern auch der Ambitus, die Führung der Stimme, die Satzweise lassen uns zu dem Schluss kommen, Musik hat ein Geschlecht! Aber ist das Geschlecht auch eine Kategorie, um Beethovens Musik zu verstehen? Musik ist das Spiegelbild unseres Lebens – und unser Leben hat zwei Geschlechter. Musik hat ebenso zwei Geschlechter, ein männliches und ein weibliches. Beide Geschlechter haben Zugang zur Musik und für beide Geschlechter kann Beethovens Musik unendliche Erfüllung bedeuten.

Mit diesen Gender-Betrachtungen wurde versucht, Wesentliches anzureißen, um mit Hilfe der Kategorie Geschlecht neue Blickwinkel auf das Mysterium Beethovens Musik zu werfen.

Bibliographie: 

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Grotjahn, Rebecca & Vogt, Sabine. Musik und Gender. Laaber, Laaber, 2010

Hellinghaus, Otto. Beethoven: seine Persönlichkeit in den Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen, seinen Briefen und Tagebüchern. Freiburg im Breisgau, Herder, 1922

Kopitz, Klaus. Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen: in Tagebüchern, Briefen, Gedichten und Erinnerungen. Beethoven-Forschungsstelle an der Universität der Künste Berlin. München, Henle, 2009

Pulkert Oldřich. Ludwig van Beethoven im Herzen Europas. České lupkové Závody A.G. ; Praha : Edition Resonus, 2000

Stadtlaender, Chris. Ewig unbehaust und verliebt.  Beethoven und die Frauen.                   Amalthea, München, 2001 

Jüngling, Kirchen. Beethoven. Der Mensch hinter dem Mythos. Propyläen, Berlin, 2019

Schaefer, Hansjürgen. Ludwig van Beethoven. Briefe. Henschelverlag, Berlin, 1984

Siedenburg, Ilka. Geschlechtstypisches Musiklernen. Electronic Publishing, Osnabrück, 2009

Brandenburg, Sieghard. Briefwechsel. Gesamtausgabe. Henle, München, 1996

Historisches Museum der Stadt Wien. Musikergedenkstätten. Ludwig van Beethoven.

Museen der Stadt Wien. Die Beethoven-Gedenkstätten der Museen der Stadt Wien. 1992

Beethoven-Haus Bonn  https://www.beethoven.de/

Beethoven Fries, Wien 1902 von Gustav Klimt